Die Woche, in der Charles Aznavour starb

Reinhard Bütikofer
„Europäische Politik ist längst keine Nebenbühne mehr“ – Interview mit MdEP Reinhard Bütikofer
Mai 26, 2019
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Die Woche, in der Charles Aznavour starb

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collage-1-frankreich ©Hjørdis Petersen

Ein kleiner persönlicher Reisebericht aus Südfrankreich.

Frankreich – das Land der charmanten Chansons und malerischen provenzalischen Kleinstädte. Zugleich aber auch Schauplatz der großen gesellschaftlichen Debatten unserer Zeit. Geführt von einem tatkräftigen Präsidenten, der wie kaum ein anderer polarisiert. Getrieben von der Gelbwesten-Bewegung, welche die gesellschaftliche Spaltung beklagt, aber auch verfestigt. Eindrücke aus einem Land, das mit sich selbst und um den richtigen Weg ringt.

Es ist vielleicht 21:30 Uhr, ein Donnerstagabend im Spätsommer, und ich sitze in einem TGV zwischen Avignon und Aix-en-Provence fest. Eine freundliche Stimme aus dem Lautsprecher bittet höflich um Entschuldigung, bevor sie die schon schläfrigen Passagiere wissen lässt, dass uns ein feu de brousse, ein Buschfeuer direkt an der Hochgeschwindigkeits-strecke, an der Weiterfahrt hindert. Ouf, das Missfallen der Mitreisenden ist groß, meine Sitznachbarin verdreht dramatisch die Augen, bevor sie sich dem kollektiven Schicksal ergibt und ein weiteres Mini-Joghurt verdrückt. Dann geht alles doch ganz schnell, der TGV weicht wie selbstverständlich auf eine andere Trasse aus und wir tuckern gemächlich durchs nächtliche Südfrankreich. Voilà, endlich bin ich angekommen und mit mir die Erkenntnis, dass sich die Franzosen ebenso gerne wie ihre deutschen Nachbarn über die Unzulänglichkeiten des Bahnverkehrs beschweren.

»Voyage Voyage« (Reise)

Dabei können Reisen in unserem Nachbarland links des Rheins durchaus angenehm sein. Der Espresso an der TGV-Bar ist nicht von schlechten Eltern und die Schaffner tragen erfreulicher-weise oft ein elegantes graues Béret. Aber vielleicht noch wichtiger: Dank des TGV ist das von Paris fast 800 Kilometer entfernte Marseille in nur gut drei Stunden zu erreichen. Während der ICE fast doppelt so lange braucht, um die ebenfalls knapp 800 km zwischen München und Hamburg zu überwinden, rauscht der TGV fast ohne Zwischenstopps durchs ländliche Frankreich. Alle Wege führen schnellst-möglich von und nach Paris, das geht zugunsten der Geschwindigkeit, aber zulasten der Provinz. In Deutschland hingegen fährt der ICE kreuz und quer durchs Land, muss auch mal auf einen verspäteten Regionalzug warten und hält gefühlt an fast jedem Laternenpfahl. 

Andererseits: Autofahrten in Frankreich sind langwierig und dank der vielen Mautstationen auch relativ kostspielig. Deutschland hingegen ist Land der Lenker, das Automobil fast schon mythischer Bestandteil der deutschen Identität. Für voyages oder Reisen inner-halb Frankreichs, ist und bleibt der TGV erste Wahl. Der silberne Blitz steht wie kein anderer für ein Frankreich, dass sich nicht nur dem savoir vivre verpflichtet sieht, sondern ebenso wie Deutschland auch stolze Industrienation ist.

»Quand je rêve je suis un Roi« (Wenn ich träume, bin ich König)

Die völlig unterschiedliche Mobilitäts-politik beider Länder ist auch Ausdruck eines divergierenden Politik-verständnisses. Im Bundesstaat Deutschland wird aufgrund seiner föderalen Struktur auch vermeintlichen Partikularinteressen Raum gegeben. Der französische Präsident hingegen regiert aufgrund seiner Machtfülle wie ein kleiner König Land und Leute. Mit Emmanuel Macron erklomm vor zwei Jahren ein erklärter Europa- und Wirtschaftsfreund den Gipfel der französischen Republik. Mit ihm wollten die Franzosen die Tristesse der vergangenen Jahre endlich hinter sich lassen. Jahre, die von wirtschaftlichen Hiobsbotschaften, seinem rat- und mutlosen Vorgänger François Hollande und nicht zuletzt von mehreren fatalen Terroranschlägen geprägt waren.

Zwar bleibt die Wahl Macrons zweifelsohne bis heute einer der seltenen politischen Lichtblicke in einer Ära der globalen politischen Unruhe. Doch der junge französische Sonnen-könig musste Federn lassen. Was weder seine politischen Gegner, noch irgendeine Gewerkschaft vermochte, schafften die gilet jaunes, die Gelbwesten, eine Art außer-parlamentarische Opposition zu Macrons Reformpolitik. In altbekannter französischer Protestmanier ging es vergangenen Winter zunächst gegen eine neue Steuer auf Diesel-Kraftstoff auf die Straße, nicht viel später brannten die Innenstädte. Macron sah sich mit einer ernsthaften innenpolitischen Krise konfrontiert, welche die enorme gesellschaftliche Spaltung Frankreichs offenlegte. Während der eine Teil der Bevölkerung entsetzt mitansehen musste, wie mit dem Arc de Triomphe eines der Symbole der Republik beschädigt wurde, war dem anderen Teil fast jedes Mittel recht, solange es dem verhassten System an den Kragen ging.

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Eindrücke aus Aix-en-Provence ©Hjørdis Petersen

Dem Zorn folgte eine Phase der kollektiven Volkstherapie in Form der grand debat national, einer Art Gesprächsrunde zwischen den Mächtigen und dem citoyen, dem Bürger. Der Präsident höchstpersönlich ließ es sich nicht nehmen, muffige Turnhallen in der Provinz zu besuchen. Eloquent und argumentativ geschickt, erreichte er zumindest seine Stammwählerschaft wieder – den gut ausgebildeten, eher großstädtisch lebenden Franzosen. Macrons Stärke ist aber zugleich Ausdruck einer vielleicht fatalen Schwäche: Er vermag es nicht, die große Lücke zwischen der gesellschaftlichen Elite und insbesondere der Landbevölkerung zu schließen. Das zeigte zuletzt der Brand der Pariser Kirche Notre Dame. Das kollektive Entsetzen, als plötzlich 800 Jahre französische Geschichte in Rauch aufgingen, mündete alsbald in einer erbitterten Debatte, als bekannt wurde, dass die reichsten französischen Familien sehr schnell sehr tief in die Tasche griffen, um das Nationaldenkmal zu retten.

So ist Macrons Machtfülle prinzipiell formeller Natur, tatsächlich jedoch beschränkt durch eine teils zutiefst unzufriedene Gesellschaft, die in ihm das Inbild der verhassten Eliten sieht. Der König steht ziemlich nackt da. Um die Lage endlich in den Griff zu bekommen, machte Macron nicht einmal Halt vor der Abschaffung seiner eigenen alma mater. Nicht ganz ohne Erfolg. So verlieren die gilet jaunes seit Wochen an Zulauf, sie sind intern zutiefst zerstritten und geraten mit ihrer Strategie, sich jeglichem Diskurs zu verschließen, an ihre Grenzen. Dennoch, die Wut auf das System und auf Macron vereint Menschen, die sich seit Jahren von der politischen Klasse ignoriert und herabgesetzt fühlen. Ein mächtiger politischer Faktor in einem Land, das sich zwar dem Zentralismus verschrieben hat, seine Könige aber auch schnell wieder zu stürzen weiß.

»Le mec a dit “wesh”?« (Der Typ sagte „Was geht“?)

Das Drama um die gilet jaunes hat andere gesellschaftliche Debatten zu-nehmend in den Hintergrund gedrängt. Mindestens ebenso interessant zu beobachten ist jedoch, wie sich Frankreichs Identität als modernes Einwandererland zunehmend festigt. Denn in Frankreich haben insbesondere die Immigranten der ehemaligen französischen Kolonien eine neue Heimat gefunden.

Fährt man über die Autobahn nach Marseille, immerhin zweitgrößte Stadt Frankreichs, blickt man über ein schier unendliches Meer halbhoher weißgrauer Wohnblöcke. Die Marseiller Vororte Quartier Nords, größtenteils von Migranten bewohnt, gelten als Hort der Kriminalität. Obwohl der Staat schwer bewaffnete Polizisten schickt, wirkt er hier erstaunlich schwach. Die restliche französische Gesellschaft meidet die Banlieues wie der Teufel das Weih-wasser. Messerscharf trennt die autoroute Arm von Reich. Folgt man ihr weiter, erreicht man die ebenfalls beeindruckend weitläufige Meerespromenade, auf der sonntagmittags gutbetuchte Pariser flanieren.

Kulturell ist der Einfluss Maghrebs längst prägend in Frankreich. Die französische Küche besteht längst nicht mehr nur noch aus foie gras und boef bourgignon, heutzutage ist Couscous das Grund-nahrungsmittel in Frankreich. Eine neue Welle französischer Schriftsteller stellt das kulturell bunte Frankreich in all seinen Facetten dar, etwa in der Person von Leïla Slimani. Die Autorin mit marokkanischen Wurzeln wurde mit dem renommierten Literaturpreis Prix Goncourt ausgezeichnet, und gilt überhaupt als eine der international bekanntesten Stimmen des neuen Frankreichs.

Spuren des Wandels lassen sich längst auch in der eigentlich sonst so protegierten französischen Sprache finden. „Le mec a dit wesh?“ fragt Vald, einer der Stars des französischen Hip-Hops und verwendet dabei eine allgegenwärtige Abwandlung des arabischen Worts „Uesh“. Nicht nur im Rap, auch im Alltag verschmilzt die Sprache der Immigranten mit der der Ansässigen. Erzählt man von seiner neuesten Eroberung, berichtet man statt von seiner fille stolz von ma souz („mein Mädchen“).

Auch religiös ist Frankreich unglaublich divers. Einerseits verschreibt sich der Staat dem absoluten Laizismus, Religionsunterricht an Schulen gibt es nicht und das Tragen des Kopftuchs ist in öffentlichen Gebäuden untersagt. Andererseits ist Frankreich ein zutiefst katholisches Land, insbesondere in den südlichen Landesteilen. Die Sonntagsmessen sind gut besucht, junge Männer organisieren sich in fraternités, religiösen Bruderschaften, und lassen sich bereitwillig vom Pfarrer erklären, dass das illegale Downloaden im Internet eine Sünde sei. Nicht zu vergessen die große jüdische Minderheit und nicht zuletzt der Islam, der in jeder französischen Großstadt das Stadtbild mitprägt. Frankreich ist ein Land der Gegensätze.

»Emmenez-Moi« (Nimm mich mit)

Als Deutsche in Frankreich blickt man selbstverständlich durch seine ganz eigene Brille auf das Nachbarland, das so lange als Erz- und Erbfeind galt. Fast undenkbar, wenn man heute mit Land und Leuten Freundschaft schließt. Jeder klägliche Versuch, mit den Resten an Schulfranzösisch zu punkten, wird fast schon begeistert gewürdigt. Doch die Weltkriege bleiben Bestandteil dieser einzigartigen Beziehung. Manchmal werden liebevoll-spöttisch alte Klischees bemüht, so erfahren die deutschen Wörter „Achtung“ und „Verboten“ eine erstaunliche Verbreitung in Frankreich. Ebenso wie in Deutschland, finden sich auch in Frankreich an jeder Ecke Merkposten einer unruhigen Vergangen-heit. So entpuppt sich ein Aussichtspunkt nicht weit von St. Tropez, der einen herrlichen Blick auf die Steilküste des Mittelmeers bietet, als ehemaliger Stützpunkt der Wehrmacht.

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An der Côte d’Azur ©Hjørdis Petersen

Heute steht der Name Côte d’Azur wie kein anderer für tief türkisblaues Meer, Lebenslust und Luxus. Kaum ein Land ist in Deutschland derart positiv klischee-behaftet wie Frankreich. Abseits der Klischees ist es unglaublich spannend, wie leidenschaftlich in Frankreich die großen Debatten unserer Zeit ausgetragen werden. Sowohl der Macronismus als auch die gilet jaunes vertreten zwei völlig unter-schiedliche Gruppierungen, die lange Zeit politisch unterrepräsentiert waren. Einerseits den Bürger von Welt, der sich die Globalisierung und Digitalisierung längst zu eigen gemacht hat. Andererseits den Kleinbürger vom Land, der sich gegen die Schließung von Krankenhäusern und Schulen wehrt. Es wird über Politik gestritten, und ob im Rahmen der grand debat national oder während der tagtäglichen Wache am Kreisverkehr – die Lust am Diskurs hat beinahe jeden ergriffen.

Abseits all dem Trennenden, vermag dann doch der Stolz auf die gemeinsame Kultur die Franzosen mit sich selbst zu versöhnen. Als der große Charles Aznavour Ende September starb, kam das Land zusammen, um einen seiner berühmtesten Chansonniers zu Grabe zu tragen. Wehmütig lauschten Jung und Alt den eilig aufgesetzten Sonder-sendungen der Radiostationen, die in Dauerschleife seine größten Hits spielten. Wenige Wochen später verabschiedete sich die grande nation von Aznavour in einer stundenlangen Zeremonie nahe des Invalidendoms in Paris, Begräbnisstätte Napoleons, die selbstverständlich live im Fernsehen übertragen wurde. Die Militärkapelle spielte eine herzzerreißende Version eines seiner vielleicht schönsten Lieder „Emmenez-moi“, indem Aznavour die Sehnsucht einer ganzen Nation nach dem Süden besingt. Dieser sagen-umwobene Ort, wo die Misere des Alltags erträglicher ist, dem blauen Himmel sei Dank. Keiner trauert pompöser und schöner als die Franzosen.

So endet die Woche, in der Charles Aznavour starb, an einem Freitag im TGV 6874, der pünktlich um 12:59 Uhr aus Aix-en-Provence in Richtung Straßburg abfährt. Stetig und beinahe unbarm-herzig schnell nimmt der silberne Blitz den Reisenden mit, zurück Richtung Alltag, zurück zu all dem Vertrauten, das jetzt so seltsam fremd erscheint. Die deutschen Stimmen im TGV von Straßburg nach Stuttgart klingen ungewohnt und auch der Himmel ist eher stahlgrau als blau.

Pour G. et O.

Bildquellen

  • Collage-3-Frankreich: Laute Europäer
  • Collage-2-Frankreich: Laute Europäer
  • collage-1-frankreich: Laute Europäer
Hjoerdis Petersen
Hjoerdis Petersen
Geboren und aufgewachsen im Landeshauptstädtle Stuttgart, mit kleinen Zwischenstopps in Pune (Indien) und Berlin. Schwäbischkenntnisse sind aufgrund norddeutscher und Berliner Wurzeln nur sporadisch vorhanden, dafür aber eine große Begeisterung für den VfB Stuttgart und den schwäbischen way of life. Nach einer mehrere Jahre währenden Studienreise durch Brüssel, Maastricht und Amsterdam, die ihren krönenden Abschluss in einem Masterabschluss am College of Europe in Brügge (Belgien) fand, hat es sie ins beschauliche Tübingen verschlagen, wo sie sich nun mit großer Freude dem Studium der Jurisprudenz widmet, um später EU-Verordnungen verfassen zu können. Bis es soweit ist, versucht sie alles, um die Tübinger und Tübingerinnen von der Einzigartigkeit und Großartigkeit der Europäischen Integration zu überzeugen - oder das Glück, dass französische Mode, norwegische Namen, britischer Humor und belgisches Bier irgendwie auch zu unserer europäischen und damit deutschen Identität gehören. Besonders interressiert sie die juristischen Feinheiten des EU-Rechts und sein Zusammenwirken mit deutschen Rechtsvorschriften als auch europäische Wirtschafts- und Währungspolitik.

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