Kann Europa jemals ein Zuhause oder gar eine „Heimat“ sein? Interview mit „HomeTelling in Europe“

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Kann Europa jemals ein Zuhause oder gar eine „Heimat“ sein? Interview mit „HomeTelling in Europe“

Seit dem Jahr 2000 lautet das offizielle europäische Motto „in Vielfalt geeint“. Doch auch fast zwei Jahrzehnte danach wird über die Frage diskutiert, ob und wie es möglich ist, ein gemeinsames europäisches Bewusstsein zu schaffen. Mehr noch: Nationalistische und xenophobische Tendenzen in vielen europäischen Ländern fordern das klare Bekenntnis zu einem vielfältigen und weltoffenen Europa heraus. In diesem aktuellen Kontext adressiert das pan-europäische Projekt „HomeTelling in Europe“ Themen von Identität, Zugehörigkeitsgefühl und Vielfalt in Europa. Wir haben uns mit Miriam, eine der Gründerinnen von HomeTelling in Europe, über den außergewöhnlichen Ansatz ihres Projektes unterhalten.

Die Geschichten, die HomeTelling Europe erzählt, sind u.a. auf deren Facebook und Instagram nachzulesen.

Hallo Miriam, bei „HomeTelling in Europe“ geht es vor allem um Menschen, die ihre persönlichen Geschichten erzählen. Zu Beginn: Wie lautet die Geschichte hinter „HomeTelling in Europe“?

Iro, Marija, Yulia und ich haben uns bei der Ideenschmiede FutureLab Europe in Brüssel kennengelernt. Wir haben uns gleich gefunden und super verstanden. Die Idee zu HomeTelling kam daher, dass wir bei der Vorstellungsrunde unsere Nationalität und unseren Wohnort sagen sollten. Dann ist uns irgendwie aufgefallen, dass wir vier tatsächlich Schwierigkeiten haben unseren Wohnort sowie unsere Nationalität richtig definieren zu können. Zum Beispiel habe ich zu der Zeit in Bonn ein Praktikum gemacht, aber eigentlich am Bodensee studiert, und mein Hab und Gut war bei meiner Familie im Nordschwarzwald. Nur einen Wohnort zu benennen, ohne die Geschichte dahinter zu erzählen, schien mir falsch. Iro, Marija und Yulia erging es genauso. Das Thema stand somit relativ schnell. Natürlich haben wir uns auch gleich gefragt, was das Ganze eigentlich bringen soll über Zuhause, Heimat und Identität ein Projekt zu machen.

Als ihr beim FutureLab Europe diese Idee des „HomeTelling“ hattet, was war da eure Motivation und was wollt ihr durch euer Projekt erreichen?

Wir vier kommen aus einem eher europakritischem bzw. europafernen Umfeld. Uns ist es daher wichtig mit unterschiedlichen Menschen in den Dialog zu treten, deren Geschichten niederzuschreiben und diverse Stimmen einzufangen. Wir hoffen natürlich, dass diese Stimmen auch gehört werden und sich die Eine oder der Andere ein paar Gedanken zum Zusammenleben in Europa macht. Das Tolle an HomeTelling ist nämlich, dass es wirklich alle Menschen anspricht und gleichzeitig vielfältige Konzepte von Zuhause darstellt. Die Gemeinsamkeit von uns allen ist ja nun mal, dass wir nach etwas streben, das wir ein Zuhause nennen können.

Mit HomeTelling geben wir der Vielfalt Europas nicht nur eine Stimme, sondern auch ein Gesicht. Denn unsere HomeTellers stellen durch ein Foto ihre Definition von Zuhause dar. Fotos haben für uns einfach eine magische Wirkung. Sie können Vieles ausdrücken, was wir mit Sprache nicht festhalten können. Vor allem mit Bildern können wir zeigen, dass auch du und ich zu Europa gehören, egal wie wir aussehen, warum wir eigentlich in Europa gelandet sind und welche Träume wir für die Zukunft haben.

Nun ist der Begriff „home“ etwas schwer ins Deutsche zu übersetzen, da er in seiner Bedeutung neben „Zuhause“ auch „Heimat“ umschreibt. Gerade heute wird der Heimatbegriff wieder kontrovers diskutiert. Ihr schreibt, dass für euch Heimat mehr ist als nur ein Ort: Es ist ein Gefühl, das über nationale Grenzen hinausgeht. Was genau bedeutet „Heimat“ für euch?

In der Gruppe haben wir natürlich viel über die Begriffe Heimat und Zuhause gesprochen. Es war zuerst eine Herausforderung. Jede nannte zuerst die wörtliche Übersetzung von “home” in ihrer Muttersprache – russisch, kroatisch, griechisch und deutsch – um einen Zugang zu den Begriffen zu finden. Wir haben nun ein Grundverständnis davon, jedoch möchte ich mir nicht anmaßen, das für meine Freundinnen nach meiner Interpretation zu übersetzen. Was für uns alle aber auf jeden Fall klar ist, Heimat ist ein Konstrukt. Wenn man es positiv sieht, können wir es also ganz individuell kreieren und formen. Daher können wir die Idee eines Heimatministeriums in Deutschland nicht nachvollziehen.

Mein Verständnis: Heimat ist der Ort, an dem ich eine längere Zeit verbracht habe, daher ist Heimat auch stark mit Erinnerungen und Gefühlen verknüpft. Der Begriff Ort ist für mich aber sehr weit gefasst: Europa, Deutschland, Süddeutschland, das Haus meiner Großeltern. Das Interessante ist aber, dass dieses Heimatgefühl für mich mehrere Abstufungen hat, das hängt total von der Entfernung zur Heimat ab. Bin ich außerhalb von Europa, tritt das Heimatgefühl schon auf, wenn ich wieder einen Fuß auf europäischen Boden setze; verstärkt wird es dann, wenn ich nach Deutschland reise, vor allem nach Süddeutschland bis hin zu dem Haus meiner Großeltern.

Denkt ihr, dass Europa jemals eine „Heimat“ sein oder werden kann?

Eindeutig ja. Wir glauben, dass Europa bereits jetzt schon für viele eine Heimat ist. Das ist ja das Tolle an der Vielfalt Europas – es ist für Jede und Jeden etwas dabei. Wir glauben aber auch, dass die politischen Entscheider*innen das manchmal vergessen. Anstatt auf die großen Gemeinsamkeiten zu verweisen scheint es für uns doch so, dass politische Entscheider*innen trotzdem noch auf die Unterschiede pochen. Deshalb finden wir Heimat, ja, aber geeint sind wir in Europa tatsächlich noch nicht.

Viele Menschen in Europa definieren sich in erster Linie immer noch über die Nationalstaaten. Nach euren Erfahrungen, kann durch das Narrativ von Heimat auch so etwas wie eine Europäische Identität gefördert werden?

Wenn wir über die europäische Identität reden, sprechen wir ganz klar über kulturelle Diversität. Diese Diversität ist Teil unserer Identität, und wir sollten uns bewusst werden, wie diese diverse Identität entstanden ist und sich in Zukunft zu einer europäischen Identität weiterentwickelt kann. Um kulturelle Diversität zu verstehen benötigt es noch ganz viel Aufklärungsarbeit in Europa. Denn Europa ist ein vielfältiger Ort, der durch heutige Programme wie Erasmus und Interrail immer vielfältiger wird. Europa ist aber auch so divers aufgrund von Kriegen, Ausbeutung und Kolonialisierung innerhalb sowie außerhalb des Kontinents. Erst wenn wir bereit sind, beide Seiten der Medaille zu verstehen, können wir bewusst von einer europäischen transkulturellen Identität sprechen. Tun wir dies nicht, wird es sich um das Narrativ von Abgrenzung zwischen Einheimischen und Zugezogenen drehen, anstatt um ein gemeinsames transkulturelles Narrativ von Heimat und Identität.

Was das Konstrukt von Nationalstaaten angeht haben wir vier unterschiedliche Auffassungen. Ein Teil von uns erkennt an, dass Nationalstaaten eine Grundlage für Sicherheitspolitik und bürokratische Abläufe sein können. Unter uns gibt es aber auch die Auffassung, dass ein paar alte Herren Europas damals eine Grenze gezogen und somit bestimmt haben, welche Bevölkerungsgruppen dazu gehören und welche nicht. Dass darauf unsere Identität aufbauen soll, können wir zum Teil nicht nachvollziehen.

Zum Abschluss: Was sind eure Pläne für die Zukunft von „HomeTelling in Europe“?

Im September werden wir unser Buch in Bonn und in Brüssel vorstellen. Bei beiden Veranstaltungen möchten wir Künstler*innen, Politiker*innen sowie Think Tanks ansprechen – sie ermutigen das Projekt in ihre Arbeit miteinzubeziehen. Der Plan ist auf jeden Fall, HomeTelling mit ins Europawahljahr 2019 zu nehmen und die Bilder an öffentlichen Plätzen auszustellen. Vor allem möchten wir aber andere Menschen inspirieren sowie ermutigen, eigene Initiative zu starten oder bei einem Projekt mitzumachen. Klar sind wir uns dessen Bewusst, dass wir in einer privilegierten Situation sind, nicht jede Person verfügt über ausreichend zeitliche und finanzielle Kapazitäten. Auch wissen wir, dass es in unseren “Heimatländern” Russland, Griechenland, Kroatien und Deutschland unterschiedliche Barrieren für zivilgesellschaftliches Engagement gibt. Nichtsdestotrotz möchten wir so viele Menschen wie möglich ermutigen, das Leben in Europa aktiv mitzugestalten. Denn nur wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, schaffen wir es, dass sich wirklich jede Person in Europa zuhause fühlt.

Ein herzliches Dankeschön an Miriam und das Team von HomeTelling Europe.

Kontakt von „HomeTelling in Europe“: hometellingeurope@gmail.com

Facebook: www.facebook.com/HomeTelling/

Instagram: www.instagram.com/hometellingineurope/

Website: www.hometelling-in-europe.launchrock.com

Bildquellen

  • Beitragsbild: HomeTelling_Cities: © HomeTelling in Europe
  • HomeTelling: © HomeTelling in Europe
Eberhard Beck
Eberhard Beck
Politikwissenschaft & Öffentliches Recht, FAU Erlangen-Nürnberg ‖ ERASMUS, Andrássy Universität Budapest ‖ Demokratie und Regieren in Europa, Universität Tübingen ‖ E-Mail: eberhard.beck@laute-europaeer.de ‖ Twitter: @Ebi2210

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