Die Gallier Europas? Ein Jahr nach Pulse of Europe

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Wir befinden uns am Ende des Jahres 2016. Die Europäische Union ist ziemlich am Ende. Der Brexit hat die Gewissheit der immerwährenden, fortschreitenden europäischen Integration beerdigt. Nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im November 2016 sieht sich das zarte Integrationspflänzchen nun fast ungeschützt den rauen Winden der internationalen Politik ausgesetzt. Die Rechtspopulisten sind auf dem Vormarsch, anstehende Wahlen in den Niederlanden und Frankreich verheißen nichts Gutes. Die Bürger Europas schaufeln sich ihr eigenes Grab. Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Europafreunden bevölkertes Land fängt genau in dem Moment an, den Europafeinden Widerstand zu leisten.

Der deutsche Puls für Europa

Frühjahr 2017, irgendein Sonntagnachmittag in Frankfurt am Main. Ein blau-goldenes Meer kleiner und großer Europafahnen. Kinder, die blaue Ballons mit goldenen Sternen in den Himmel steigen lassen. Gestandene Familienväter, die mit meist zweifelhaftem Erfolg versuchen, auch die hohen Töne der Europahymne zu treffen. Pulse of Europe, die pro-europäische Bewegung, die Ende 2016 um das Frankfurter Anwaltspaar Daniel und Sabine Röder gegründet wurde, setzt ein blau-goldenes Ausrufezeichen. Von Frankfurt bis Fulda, von Baden-Baden bis Berlin – Europas Bürger erheben sich.

Pulse of Europe stieg wie der Phoenix aus der Asche des scheidenden Jahres 2016, welches die FAZ nicht ganz zu Unrecht als „Hassjahr“ titulierte. Der allgegenwärtigen Untergangsstimmung nach dem seismischen Schock der britischen Brexit-Entscheidung und der durch die Wahl Trumps zementierten Zeitenwende setzte Pulse of Europe entgegen: Wir sind überzeugte Europäer, auch wir haben ein Wörtchen mitzureden. Die Europafreunde machten sich auf den Plätzen der Bundesrepublik breit und schafften es so, das oft als Elitenkonstrukt verrufene europäische Integrationsprojekt greifbar und Europa wieder sexy zu machen. Der Puls Europas schlug wieder.

Tatsächlich besetzte Pulse of Europe erfolgreich eine bis dato unterschätzte politische Nische. Zwar gelang es der Bewegung, trotz viel Beifall aus Brüssel, bislang nicht, sich ernsthaft im europäischen Ausland zu etablieren. Zweifelsohne dauert ihr Erfolg dennoch an. Pulse of Europe und seine Gründer werden mit Preisen und Ehrungen nur so überhäuft. Die Protestbewegung, die eigentlich nie eine war, sondern eher als ein offenes Forum für Europaliebhaber jeder Couleur agierte, hat eigentlich jeder gern.

Ein Jahr sind die Pulsgeber Europas gewiss nicht am Ende, die Protestbewegung ist jedoch deutlich leiser geworden. In einigen größeren deutschen Städten gibt es noch Pro-Europa-Demonstrationen, meist jedoch in eher unregelmäßigeren Abständen, zuletzt etwa unter dem Hashtag #EuropeUnited als Reaktion auf den aktuellen Asylstreit zwischen CDU und CSU. Dennoch: Was oft als Bewegung der schweigenden Mehrheit tituliert wurde, scheint an Biss und Schlagkraft verloren zu haben. Sind die Europafreunde leise geworden? Oder schlägt der Puls einfach auf andere Weise weiter?

Der französische Herzschrittmacher

Die letzte wirklich große Kundgebung von Pulse of Europe fand nicht ohne Grund Anfang Mai 2017 statt, aus Anlass des zweiten Wahlganges der französischen Präsidentenwahl. Die Europafreunde sprachen sich für den Überraschungskandidaten Emmanuel Macron aus. Restons ensemble – lasst uns zusammenbleiben, wurde zum Kampfwort. Und tatsächlich, am 7. Mai trat Macron, von den Klängen der Europahymne begleitet, vor die erleuchtete Glaspyramide des Louvre im Herzen der französischen Nation und ließ sich von seinen jubelnden Anhängern wie ein Popstar feiern.

Fast auf den Tag genau ein Jahr später wurde der nun frischgebackene Karlspreisträger Macron wiederum in Aachen, im Herzen des niederländisch-deutsch-belgischen Dreiländerecks, von den Granden der europäischen Politik und einer ihm wohlgesonnenen Öffentlichkeit empfangen. Der französische Präsident, der schon im Wahlkampf mit einem dezidiert europafreundlichen Kurs auf sich aufmerksam machte, wurde mit seinem Wahlerfolg prompt zum europäischen Hoffnungsträger gekürt.

Im Laufe seiner noch jungen Amtszeit hat Macron bewiesen, dass er diesen Steilpass nur zu gern annimmt. Er kommuniziert mit Vorliebe über die sozialen Medien und postet wie selbstverständlich auf Französisch, Deutsch und Englisch. Dieser Mann möchte nicht nur die französische Wählerschaft erreichen, sondern zielt auf eine europäische oder gar internationale Audienz ab. Letzteres zeigte sich jüngst etwa in seiner Initiative „Make the planet great again“, mit der Macron Trumps „America First“ Polemik konterkarierte.

Auch ein Jahr nach seiner Wahl ist Macrons Europhorie nicht verflogen ist. Er will nun auch auf europäischer Ebene angreifen: Mit seiner Haus- und Hofpartei La République En Marche (REM) will er das europäische Parteiensystem umkrempeln. Eine eigene „Fraktion progressiver europäischer Kräfte” und das Europaparlament sollen zur Bühne jenes Mannes werden, der als der noch unerfüllte Reformkönig Europas antritt. Erste Schritte sind bereits getan. Am 7. April lancierte REM den Grande Marche pour l‘Europe, den „Großen Marsch für Europa“, mit der die Partei für den Europawahlkampf mobilisieren will – und das auch im europäischen Ausland. Bislang gibt es erste Ableger in einigen europäischen Hauptstädten, darunter auch in Berlin.

Der europäische Arm von REM befindet sich noch im Embryo-Stadium, aber einer Partei, der die Europafreundlichkeit und das Sendungsbewusstsein Macrons in die Wiege gelegt wurde, ist einiges zuzutrauen. Übernimmt REM da, wo Pulse of Europe in Deutschland aufgehört hat und wird die erste wirklich pan-europäische Bewegung? Abwarten. Es zeichnet sich aber ab, dass Frankreich unter Macron aktuell Herzschrittmacher der EU-Reformbewegung ist. Die Blicke richten sich nach Paris, wenn es darum geht, wie sich Europa in Zeiten des Brexits, Trump und einer höchst unsicheren Weltlage positioniert.

Mit Herz und Seele – Europa, deine Jugend

Popstar Macron ist selbst noch mit seinen knapp 40 Jahren beinahe Teil der Generation der Millennials, zu der auch wir Laute Europäer uns zählen dürfen. Unser Name ist gewiss nicht zufällig gewählt – nein, wir möchten ein Sprachrohr sein, eines von vielen, das für die Europafreundlichkeit einer Generation steht, die selbst lange nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, der zugleich Katastrophe als auch Keimzelle des europäischen Integrationsprojektes darstellt.

Es mag daher überraschen, dass bei Pulse of Europe die Millennials unterdurchschnittlich vertreten waren. Stattdessen ging insbesondere die ältere Generation mit Verve für Europa auf die Straße, denn „so etwas“ wie Krieg sollte es in Europa nie wieder geben. Leicht spöttisch sprach die TAZ damals auch von einem „Besuchstag im Altenheim”. Nein, Pulse of Europe war sicherlich keine stürmische Jugendbewegung. Schafft es die europäische Idee denn nicht, auch die Millennials auf die Straße zu locken? Und stellt dies für das Integrationsprojekt längerfristig ein Problem dar?

Pulse of Europe

Laut sein! Pulse of Europe im März 2017.

Um der Demonstrationsmüdigkeit der Jugend auf die Spur zu kommen, lohnt es sich, einmal im Freundeskreis nachzuforschen. Auffällig ist, dass viele das Demonstrieren an sich als nicht mehr zeitgemäß befinden. Auf die Straße zu gehen, das ist demnach etwas für die Gestrigen, die sich noch gegen den Muff von 1000 Jahren unter den Talaren oder gegen die Stationierung von Atomwaffen in Westdeutschland wehrten. Schon 2000 warf Florian Illies der vermeintlich wohlstandsgesättigten Jugend der 90er vor, dass die Love Parade die einzige Demonstration sei, „zu der unsere narzisstische Generation noch in der Lage ist“. Heutzutage ist selbst die Love-Parade Geschichte.

Zudem schienen die großen Fragen des Westens geklärt zu sein – das galt jedenfalls bis zum schmerzhaften Erwachen am Morgen des Brexits und der Wahl Donald Trumps. Dennoch blieben die Straßen ruhig – eine neue Jugend- und Protestbewegung, wie sie etwa in den USA mit dem Vietnamkrieg oder im Deutschland der 68er entstand, scheint nicht aufzukommen. Rebellion scheint schwieriger geworden zu sein, wie schon der Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ auf den Punkt bringt: „Was früher subversiv war, kannste heute im Laden kaufen“. Bestätigt dies die These des Illieschen’ Narzissmus oder haben sich die Formen des Protestes und der politischen Partizipation schlicht gewandelt?

Eine Studie der TUI-Stiftung über die Europafreundlichkeit der 16-26-Jährigen zeigt eine gemischte Gefühlslage. Zwar war mit etwa 53% die Mehrheit der Befragten eher oder sehr zufrieden mit der EU, zugleich bezeichnete sich nur eine Minderheit als EU-Bürger. Für die allermeisten stellt Europa dennoch ganz selbstverständlich Alltag dar. Man verbringt sein Auslandssemester in England, absolviert seinen Maître en Droit in Frankreich und schläft abends über einer Folge der spanischen Serie „Haus des Geldes“ ein. Beziehungen und Freundschaften werden transnational, über Airbnb, Erasmus und Interrail hat fast jeder junge Mensch die Möglichkeit, Europa selbst zu erfahren.

Gut möglich, dass wir diese europäische Realität manchmal für zu selbstverständlich nehmen. Es ist aber auch so, dass sich die Normen der politischen Partizipation im digitalen Zeitalter schlicht verschoben haben. Während die politischen Parteien an Mitgliederschwund leiden, ist das Internet unser Zuhause geworden. Am Europatag des 9. Mai war Facebook überfüllt mit Bildern und Posts, auf denen junge Menschen aus allen Ländern farbenfroh ihre Zugehörigkeit zu Europa zelebrierten.

Fraglich ist, ob sich diese digitale Kraft auch in etwas Messbares umsetzen lässt. Manchmal hilft dabei auch der ganz traditionelle Weg. In Großbritannien etwa hat die Studentengruppe „For our Future’s Sake (FFS)“ publikumswirksam für eine neue Volksabstimmung über den Brexit aufgerufen – und zwar in einem offenen Brief an ihre Volksvertreter im Unterhaus. In Berlin traf sich jüngst die Clubszene um bunt und kreativ gegen die AfD zu demonstrieren. Der Geist der Love-Parade schwebte in der Luft.

Liedtext - Ode an die Freude

Auch Singen will gelernt sein!

Der europäische Zaubertrank

Mag sein, dass Pulse of Europe selbst zu zahm und zu breit aufgestellt war, um die Politik messbar zu beeinflussen. Die Bewegung hat dennoch deutlich gemacht, dass Europa für viele – ob jung oder alt – schon längst identitätsstiftend ist. Vielleicht ist Europa schon so normal geworden, dass es sich immer noch seltsam anfühlt, dafür zu kämpfen. Möglicherweise ist unsere Generation daher eine sehr konservative, die das bewahren möchte, was unsere Großeltern einst möglich machten. Ein junger deutscher Wehrmachtssoldat verfasst später als Beamter der Deutschen Bahn gemeinsam mit seinen französischen Kollegen die europäischen Nachkriegs-Fahrpläne. Was meinem Großvater noch fast unglaublich erschien, ist doch heute, wo der TGV wie selbstverständlich zwischen Stuttgart und Paris verkehrt, schon längst Alltag.

Die Schaffung einer neuen Identität ist immer auch verbunden mit neuen Abgrenzungsprozessen. Manch einem erscheint daher das Europaflaggenwedeln als Neuauflage des Nationalismus. Aber ist es nicht vielmehr eine Alternative? Ein „Europalismus“, der sich nicht mehr über Exklusivität, sondern über Offenheit gegenüber unseren Nachbarn definiert? Der dazu führt, dass man sich als Schwabe im europäischen Ausland beinahe genauso zuhause fühlt wie etwa in Berlin? Die Abgrenzung erfolgt dabei eher nach innen denn nach außen. Als überzeugter Europäer und Kosmopolit ist man meist eben gerade kein AfD- oder Le-Pen-Anhänger. Der Kampf um die Deutungshoheit in der europäischen Politik hat schon längst begonnen.

Die digitale Revolution hat unsere Welt enger zusammenrücken lassen, gleichzeitig aber auch atomisiert. Ein Mittzwanziger, der französische Mode liebt und sich von Politico über die neuesten europapolitischen Entwicklungen auf dem Laufenden hält, fühlt sich womöglich den Menschen in Paris und Brüssel manchmal näher als seinen Tübinger Mitbürgern, die lieber über Eispreise streiten. Gleichzeitig sind die Gräben vielfach tiefer geworden, einem politischen Streit weichen viele aus, da sie mit „dem Anderen“ schlicht nichts zu tun haben wollen. Neue Feindbilder werden liebevoll gepflegt.

Ist uns das europäische Miteinander wichtig, sind wir gefordert. Laut sein, zu streiten: Wie gestalten wir unser gesellschaftliches Miteinanders, wie verteidigen wir unserer Werte und wie bewahren wir unser liberales, europafreundliches Weltbild. Wir sollten die uns angeborenen digitalen Möglichkeiten nutzen, aber daran denken, dass es nicht reicht, ein Bild einer Europafahne zu posten. Das Wunderbare und manchmal auch Beängstigende an der Demokratie ist ja gerade die Vielfältigkeit der Meinungen und Weltsichten. Diese fruchtbar zu machen und selbstbewusst um die Zukunft Europas zu streiten, mag die eigentliche Herausforderung unserer Generation sein.

Pulse of Europe mag dafür ein Anfang gewesen sein, aber nun sind die unbeugsamen Europäer gefordert, ihre Ideen und Ideale auch auf politischer Ebene zu verteidigen. Einen Zaubertrank wie die mutigen Gallier haben wir zwar nicht, dafür aber wieder Zuversicht und mit Macron auch den ersten Vertreter unserer Generation, der zu einem der bestimmenden proeuropäischen politischen Akteure geworden. Seine Frische und Optimismus machen Mut, reichen aber allein nicht aus. Das muss es auch nicht. Denn statt unser Heil in politischen Führerfiguren zu suchen, gilt es nun, Europa nicht nur zu leben und zu lieben, sondern bewusst zu fordern und manchmal auch zu verteidigen. Dabei bleibt der Integrationsprozess vermutlich immer work in progress, aber schon die bloße Bewahrung des Fortschritts wäre zunächst Erfolg genug. Denn schon der legendäre Dr. Dre wusste: „You gotta work hard to get it, twice as hard to maintain it“.

Bildquellen

  • Pulse of Europe im März 2017: Foto-Credit: Caro Albers
  • Liedtext – Ode an die Freude: Hjørdis Petersen (Grafik: Christoph Naumann)
  • Titelbild: Gallisches Dorf Frankfurt: © Ehapa Verlag / asterix.de
Hjoerdis Petersen
Hjoerdis Petersen
Geboren und aufgewachsen im Landeshauptstädtle Stuttgart, mit kleinen Zwischenstopps in Pune (Indien) und Berlin. Schwäbischkenntnisse sind aufgrund norddeutscher und Berliner Wurzeln nur sporadisch vorhanden, dafür aber eine große Begeisterung für den VfB Stuttgart und den schwäbischen way of life. Nach einer mehrere Jahre währenden Studienreise durch Brüssel, Maastricht und Amsterdam, die ihren krönenden Abschluss in einem Masterabschluss am College of Europe in Brügge (Belgien) fand, hat es sie ins beschauliche Tübingen verschlagen, wo sie sich nun mit großer Freude dem Studium der Jurisprudenz widmet, um später EU-Verordnungen verfassen zu können. Bis es soweit ist, versucht sie alles, um die Tübinger und Tübingerinnen von der Einzigartigkeit und Großartigkeit der Europäischen Integration zu überzeugen - oder das Glück, dass französische Mode, norwegische Namen, britischer Humor und belgisches Bier irgendwie auch zu unserer europäischen und damit deutschen Identität gehören. Besonders interressiert sie die juristischen Feinheiten des EU-Rechts und sein Zusammenwirken mit deutschen Rechtsvorschriften als auch europäische Wirtschafts- und Währungspolitik.

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