(Un-)Gleichheit, Wettbewerb, Hierarchie – Ein Einblick in Frankreichs (Elite-)Bildungssystem

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(Un-)Gleichheit, Wettbewerb, Hierarchie – Ein Einblick in Frankreichs (Elite-)Bildungssystem

Frankreichs Elite-Bildungssystem

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat, wie viele seiner Vorgänger, die Eliteschule » ecolé nationale d´administration « besucht. Doch wie funktioniert eigentlich Frankreichs Elite-Bildungssystem? Diese Frage beantwortet unser Autor Fabian Schmitt, der zurzeit selbst internationales Recht an einer französischen Universität studiert.

Mittwochabend in Marseille. Ich bin bei einer Konferenz, an der gut 100 Personen, meist Akademiker oder Studenten, teilnehmen. In der Pause möchte ich einem Teilnehmer eine Frage zu einem Vortrag stellen. Allerdings kommt mir eine gut gekleidete Dame zuvor, die sich als Absolventin der » Science Po [1]« in Aix en Provence vorstellt. Der Mann antwortet ihr daraufhin umgehend, dass er Absolvent der » Science Po Paris « sei. Sofort und ohne es zu merken tritt die Frau ehrfürchtig einen winzigen Schritt zurück. Mein Eindruck ist, dass der Mann für die Dame deutlich an Ansehen gewonnen hat. Es ist eine typische Alltagssituation in Frankreich, die verdeutlicht, dass Franzosen oft in gesellschaftlichen Hierarchien denken und wie wichtig ein bestimmter Studienabschluss für das gesellschaftliche Leben ist.[2] Qualität und Herkunft von Bildungs- und Hochschulabschlüssen sind in Frankreich vorbestimmend für berufliche Chancen und Karrieren, sei es in der Wirtschaft oder als hoher Funktionär im französischen Staat: So entstammen etwa unzählige französische Banker, Vorstandsmitglieder großer Firmen, Botschafter, Mitglieder des Verfassungsgerichts, drei Präsidenten, sieben Premiers und unzählige Minister einer einzigen und als beste angesehenen Elitehochschule, der école nationale d´administration.[3]

Doch wie funktioniert eigentlich das französische Bildungs- und Hochschulsystem und welche Konsequenzen hat das für die (aktuelle) Politik Frankreichs und für Europa?

Schullaufbahn

Entscheidend für den Bildungserfolg ist bereits, welche Einrichtungen ein Franzose oder eine Französin als Kinder besuchen. Nach der école maternelle gehen die Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren auf die école primaire, die in etwa mit der deutschen Grundschule vergleichbar ist. Dabei handelt es sich in der Regel um Ganztagesschulen, die es vor allem Müttern ermöglicht wieder Vollzeit zu arbeiten. Nach der école primaire besuchen die Jugendlichen eine vierjährige Gesamtschule, das collège. Es folgt das dreijährige lycée, das auf die Abiturprüfungen, das bac, vorbereitet. Wie in Deutschland kann man sich beim Abitur bereits auf bestimmte Gebiete spezialisieren (Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften oder Wirtschafts- und Sozialwissenschaften). Interessant ist, dass das Abitur, anders als etwa in Deutschland, zentralstaatlich organisiert ist. Somit schreiben alle Franzosen ein- und dasselbe Abitur. Dennoch besteht ein großer Unterschied was Ansehen und Qualität der Gymnasien angeht. Wer etwa Absolvent des Gymnasiums Henri IV[4] in Paris ist, wie der aktuelle französische Präsident Emmanuel Macron, der wird in aller Regel das bac mit sehr guten Ergebnissen bestehen und ist auf dem besten Wege zu einer erfolgreichen Karriere.

Wettbewerb und Hierarchie

Früh geht es darum, dass die Kinder die besten ihres Jahrgangs sind und in ihren Klassen lieber nicht aus der Reihe tanzen oder sich mit anderen als den vorhergesehen Dingen beschäftigen.[5] Was zählt, ist das eigene Fortkommen. So spricht etwa der Schriftsteller und Frankreich Porträtist Günther Liehr von einem gesellschaftlichen Prinzip ständigen Wettbewerbs, bei dem das » Schulsystem…die Gussform « ist, » in der die Franzosen ihre definitive Gestalt gewinnen «.[6]

Eine Schulstunde besteht in der Regel allein aus Monologen der Lehrer, die es mitzuschreiben gilt und die dann in Klausuren auswendig niedergeschrieben werden müssen. Das ist, wie ich selbst erfahren habe, auch noch in einem Masterstudiengang der Fall. Interaktion, Diskussion, eine kritische Reflexion des Lehrstoffes zusammen mit der Lehrkraft findet in der Regel nicht statt. So bringen die Studenten ihren Laptop mit in den Hörsaal und tippen zwei Stunden ununterbrochen alles, wirklich alles mit, was der Dozent erklärt oder besser gesagt, diktiert.

Universitäten und grandes écoles

Doch zurück zur französischen Bildungslaufbahn. Nach dem Abitur stellt sich die große Frage: Was will ich werden, was will ich machen? Entscheidend ist dabei für viele Franzosen nicht etwa von einer Universität angenommen zu werden, nein, ihr Ehrgeiz richtet sich darauf, eine der grandes écoles besuchen zu können. Die grandes écoles sind staatliche Elitehochschulen (wie z.B. die Science Politique Paris), deren erklärtes Ziel es ist, die zukünftigen Führungskräfte in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft auszubilden. Es gilt das Prinzip: Die klügsten Köpfe eines Jahrgangs sollen die besten Jobs erhalten. So ist es kaum verwunderlich, dass nahezu alle Präsidenten Frankreichs Absolventen einer Eliteschule sind (oft handelt es sich dabei um die école nationale d´administration – auch ENA genannt) und der Staat für diesen Elitesektor, der weniger als 5% der französischen Studenten ausmacht, enorme Summen des Hochschulbudgets ausgibt.[7]

Auf die nationalen Aufnahmeprüfungen (les concours) dieser grandes écoles bereiten sich die Abiturienten daher zum Teil mehrerer Jahre in den classes préparatoires vor. Schaffen sie die Prüfungen nicht, bleibt ihnen immer noch die Möglichkeit eines Studiums an einer normalen Universität.

Soziale Herkunft der „Elite“

Absolventen der Eliteschulen sind meist diejenigen, die aus reichem Elternhaus stammen, beziehungsweise ehrgeizige Eltern haben. Im Jahr 2011 entstammten 63,5 Prozent der Studenten einer Science Po in Frankreich aus der bürgerlich-intellektuellen Oberschicht (57,6 % im Jahr 2007) – demgegenüber stagniert der Anteil von Arbeiterkindern.[8] Dazu kommt, dass die finanziell unteren 90 Prozent der Bevölkerung heute gerade einmal acht Prozent der Studierenden der vier renommiertesten grandes écoles darstellen.[9]

Das führt letztlich dazu, dass nicht wenige Sozialwissenschaftler Frankreich als das Land mit dem undurchlässigsten Elitebildungssystem in Europa bezeichnen.[10]

Diese Befunde spiegeln auch meine ganz persönlichen Erfahrungen wider. Einer meiner Freunde etwa, den ich während meines Studiums kennenlernte und der an der Science Po in Aix-en-Provence immatrikuliert ist, hat einen Pilot der Armee als Vater und eine Professorin als Mutter, die selbst Absolventin einer Elitehochschule ist.

Politische Sprengkraft

Halten wir also fest: Das französische Bildungssystem zielt darauf ab, dass alle Entscheidungsträger in der französischen Politik (aller Parteien) oder Wirtschaft ganz speziellen Kaderschmieden entstammen und somit die Geschicke Frankreichs in den Händen einer kleinen, extrem gut ausgebildeten Elite liegen. Ist das nun wirklich problematisch? Denn wo liegt das Problem, wenn die Besten der Besten die Geschickte des Landes leiten? Sie scheinen ja schließlich auch die Fähigsten zu sein. Zudem ist die Idee der Eliteschulen ja an sich eine zutiefst demokratische, da jedem die Möglichkeit gewährt wird aufzusteigen durch eigene Leistung. Dass im Jahr 2018 viele Franzosen von vorne herein, quasi mit ihrer Geburt chancenlos sind (s.o.), einen solchen Bildungsweg einzuschlagen, führt diese Idee jedoch leider ad absurdum. Das haben mittlerweile auch politische Akteure erkannt.

Marine Le Pen etwa, die Chefin des Front National, wetterte im Wahlkampf nicht nur gegen Ausländer oder eine vertiefte europäische Integration, sondern auch gegen die « Arroganz der Eliten ». Obwohl sie selbst aus einem gutbürgerlichen, wohlhabenden Haushalt stammt, versucht sie zunehmend – und mit wachsendem Erfolg – das Gefühl vieler Franzosen, niemals Teil dieser Elite sein zu können, die nur « an sich und nicht an das Volk denke », für ihre politischen und antidemokratischen Zwecke auszunutzen. Dass sie mit dieser Politik nicht auf taube Ohren stößt, liegt angesichts hoher Arbeitslosenzahlen und vieler Problembanlieues, in denen sich vermehrt Hoffnungslosigkeit breit macht, auf der Hand.

Bessere Sozialpolitik

Um die Unterrepräsentation ärmerer Schichten in der französischen Elite und den damit einhergehenden wachsendem Rechtspopulismus und Antidemokratismus zu bekämpfen, muss die französische Politik die Chancen all derer verbessern, die keine oder kaum Chance haben, selbst einmal Eliteschulenabsolvent zu sein. Das bedeutet etwa Kindergärten und Schulen in ärmeren Vierteln zu sanieren, die besten Lehrkräfte auch für Schulen aus Armenvierteln anzuwerben und arme Schüler und Familien finanziell zu unterstützen. Das Herstellen sozialer Gerechtigkeit ist dabei, wie der französische Soziologieprofessor François Dubet betont, Voraussetzung für Chancengleichheit.[11] Ob diese Form der Sozialpolitik aus linkem Idealismus erwächst oder aufgrund des reinen Eigeninteresses am Erhalt des jetzigen Bildungssystems und der Angst vor Unruhen und politischen Umwälzungen erfolgt, spielt dafür keine Rolle.

 

Referenzen:

[1] Das Institut d´études politique d´Aix en Provence ist eine grande école, an der unter anderem die heutige IWF-Chefin Christine Lagarde studierte.

[2] Siehe dazu etwa http://www.slate.fr/story/15463/grandes-ecoles-elites-france-social-bourses-tragedie

[3] http://www.sueddeutsche.de/politik/pariser-elite-wie-eine-hochschul-clique-frankreich-regiert-1.1641698

[4] Zur Website der berühmten Schule: http://lyc-henri4.scola.ac-paris.fr/

[5] Liehr, Frankreich – Ein Länderporträt, 4. Auflage 2017, S. 188.

[6] Liehr, Frankreich – Ein Länderporträt, 4. Auflage 2017, S. 187.

[7] Liehr, Frankreich – Ein Länderporträt, 4. Auflage 2017, S. 192.

[8] www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/152443/bildung-und-struktur-der-politischen-elite-in-frankreich

[9] http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-04/frankreich-emmanuel-macron-elite-grandes-ecoles-front-national-praesidentschaftswahl

[10] Auf die Sozialwissenschaftler bezugnehmend etwa http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-04/frankreich-emmanuel-macron-elite-grandes-ecoles-front-national-praesidentschaftswahl

[11] https://www.inegalites.fr/spip.php?page=article&id_article=1170

Bildquellen

  • Frankreichs Elite-Bildungssystem: Pixabay

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