Spaß mit Flaggen!

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In ganz Europa weht heute neben den 28 Nationalflaggen der EU-Mitgliedsstaaten die Europaflagge an Gebäuden von Behörden, Gerichten, Parlamenten, Universitäten und sonstigen öffentlichen Einrichtungen. So familiär und selbstverständlich uns heute die kreisförmig angeordneten zwölf goldenen Sterne auf einem azurblauen Hintergrund auch erscheinen mögen, es drängt sich die Frage auf: Wieso eigentlich dieses Motiv?

Wir befinden uns in den frühen 1950er Jahren. Die Europäische Union heißt damals noch „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ (EGKS). Parallel dazu gründeten zehn europäische Staaten (ohne Deutschland) den Europarat als eigenständige Internationale Organisation, der bis heute auch noch unabhängig von der EU existiert. Die EGKS hatte damals ihre eigene Flagge:

Ästhetik ist ja bekanntermaßen stets Geschmacksache, doch ich für meinen Teil bin froh darüber, dass sich diese Version nicht durchgesetzt hat. Das einzige, das an der heutigen Europaflagge noch vage an die EGKS-Flagge erinnert sind die goldenen Sterne auf dem dunkelblauen Grund (in der ursprünglichen Version – links), deren Anzahl mit den folgenden Eintritten neuer Mitgliedsstaaten in die Europäische(n) Gemeinschaft(en) dementsprechend erhöht wurde.

Das Stern-Motiv tritt bereits in anderen historischen Vorbildern auf. Am unverkennbarsten wohl in der Flagge der USA, in welcher jeder der fünfzig Sterne auf blauem Hintergrund einen Bundesstaat repräsentiert. Noch offensichtlicher ist die Ähnlichkeit mit der ursprünglichen „Betsy Ross“-Flagge, die nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung eingeführt wurde. Darauf sind die dreizehn Sterne, welche die ehemaligen Kolonien darstellen, kreisförmig angeordnet. Das Motiv der Sterne, welche die Mitglieder einer Union repräsentieren, ist also nicht besonders neu oder außergewöhnlich.

Eine ganze Palette von Entwürfen…

Der eigentliche Entwurf für unsere heutige Europaflagge stammt jedoch nicht von der Europäischen Gemeinschaft, sondern vom Europarat. Dessen Mitglieder hatten bereits Mitte der 1950er über den Entwurf einer Flagge diskutiert. Dabei lagen mehrere Vorschläge auf dem Tisch, deren ästhetische Bewertung jedoch jeder für sich selbst vornehmen muss.

Ein interessantes Beispiel darunter ist das ursprüngliche Logo der pan-europäischen Bewegung, die 1923 in der Zwischenkriegszeit vom Schriftsteller und Politiker Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi gegründet wurde und bis heute eine der größten Europa-Organisationen darstellt. Zwar war dieser Entwurf unter den Staaten des Europarates sehr beliebt, jedoch scheiterte er letztlich am Widerstand der Türkei, die 1949 dem Europarat beigetreten war. Die Vertreter der Türkei störten sich insbesondere an dem roten Kreuz in der goldenen Sonne. Dieses sollte zwar als Symbol für die Menschlichkeit und die Aufklärung verstanden werden, traf aber aufgrund christlich-religiöser Assoziationen auf Widerstand.

Ein zweiter Entwurf wurde von einem Komitee von je drei Politikern und Heraldikern (Heraldik = Wappenkunde) erarbeitet, wohl in Anlehnung an die fünf olympischen Ringe. Es heißt, dass das Motiv wohl mit den Wahlscheiben der damaligen Telefone assoziiert wurde und demnach ebenfalls durchfiel.

Ein anderer Vorschlag kam von dem britischen Politiker und Diplomaten Duncan Sandys, dem Schwiegersohn von Winston Churchill. Er entwarf ein Motiv, auf der ein großes grünes „E“ zu sehen war. In einem ersten Entwurf war dieses E noch rotfarbig, ebenfalls auf einem weißen Hintergrund. Das „E“ steht offensichtlich für Europa/Europe. Ansonsten war dieser Entwurf recht schlicht und nicht sonderlich symbolisch aufgeladen. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen wurde dieser Entwurf vom Europarat abgelehnt. Die zivilgesellschaftliche Europa-Union greift dieses Motiv jedoch wieder in ihrem Logo auf.

Der letzte Entwurf von Carl Weidl Raymon, der einen einzelnen goldenen Stern auf azurblauem Hintergrund zeigt, kommt unserer heutigen Europaflagge schon recht nahe. Er ähnelt frappierend einem übertriebeneren Zoom bzw. Ausschnitt daraus. Damals sahen die Mitglieder des Europarates jedoch eher die Gefahr einer Verwechslung mit der damaligen Flagge des Belgisch-Kongo, die in der Tat genauso aussah. Deshalb wurde dieser Entwurf ebenfalls abgelehnt.

Die Flagge des Europarates

Der Entwurf mit der kreisförmigen Anordnung der goldenen Sterne auf blauem Hintergrund stammt vom belgischen Journalisten und Holocaust-Überlebenden Paul Michel Gabriel Baron Lévy, der gleichzeitig der Direktor des Informations- und Pressedienstes des Europarates war. Jedoch existierten zunächst mehrere Entwürfe, in der lediglich die Anzahl der Sterne unterschiedlich war. Nichtsdestotrotz schaffte es dieses Motiv in die Endrunde – zusammen mit einem anderen Motiv auf dem die Sterne jedoch nicht kreisförmig angeordnet waren, sondern eine spezifische Konstellation bildeten.

Im Herbst 1955 einigte sich die Parlamentarische Versammlung, sowie das Ministerkomitee des Europarates, schließlich auf das uns heute bekannte Motiv zwölf kreisförmig angeordneter goldener Sterne auf azurblauem Hintergrund. Wenn es um den Europarat geht, findet sich auf der uns bekannten Europaflagge auch ein aufgetragenes, klein geschriebenes „e“. Auch die einzelnen Organe und Institutionen der EU verwenden eigene Embleme – eine Übersicht dazu gibt’s Europäischen Amt für Veröffentlichungen.

Vom Europarat zur Europäischen Union

Im Mai 1986 wurde die Flagge des Europarates (sowie die Europahymne im Klang von Beethovens 5. Symphonie der Ode an die Freude) für die Institutionen der Europäischen Gemeinschaften übernommen, um eine einheitliche Symbolik für die Zusammenarbeit in Europa zu schaffen. Diese Symbolik, die der einer Nationalflagge nahekommt (sowie einer Nationalhymne und dem 9. Mai als europäischen Nationalfeiertag) wurde im gescheiterten EU-Verfassungsvertrag von 2004 verankert, aus dem Vertrag von Lissabon im Jahr 2009 jedoch wieder herausgestrichen. Ist die Historie der uns vertrauten Europaflagge soweit recht übersichtlich, erscheinen die symbolischen und künstlerischen Erwägungen des Entstehungsprozesses dieser Flagge sehr interessant und in machen Aspekten gar abstrus. Weitere Informationen zur Entstehungsgeschichte bietet der Europarat (auch audiovisuell veranschaulicht) sowie die Europäische Union. Eine etwas ausführlichere Lektüre gibt es hier.

Zwölf goldene Sterne leuchten für Europa am azurblauen Himmel

Ein häufiger Irrglaube betrifft die Anzahl der Sterne in der Flagge. Wer hier analog die Zahl der damaligen Mitgliedstaaten der EG oder des Europarates zählt, wird enttäuscht. Anders als oben erwähnte Motive, in denen jeder Stern ein Mitglied der Union repräsentiert, sollen die zwölf Sterne der Europaflagge bewusst nicht die Mitgliedsstaaten repräsentieren. Was hat es nun mit der Zahl zwölf auf sich? Augenscheinlich erscheint diese Festlegung etwas willkürlich. Doch in der offiziellen Begründung von Seiten des Europarates war und ist die symbolische Bedeutung der Zahl Zwölf Ausdruck von Vollkommenheit und Vollständigkeit:

„Gegen den blauen Himmel der westlichen Welt stellen die Sterne die Völker Europas in einem Kreis, dem Zeichen der Einheit, dar. Die Zahl der Sterne ist unveränderlich auf zwölf festgesetzt, diese Zahl versinnbildlicht die Vollkommenheit und die Vollständigkeit … Wie die zwölf Zeichen des Tierkreises das gesamte Universum verkörpern, so stellen die zwölf goldenen Sterne alle Völker Europas dar, auch diejenigen, welche an dem Aufbau Europas in Einheit und Frieden noch nicht teilnehmen können.“[1]

Nun scheint diese Interpretation vor dem Hintergrund der offenen Frage nach der Finalität der Europäischen Union, von der heute niemand so genau weiß, in Richtung welches Ziels sie sich denn entwickeln soll, etwas überhöht. Doch vielleicht sollte dies nicht als Zustandsbeschreibung, sondern als der Leitgedanke der europäischen Eignung betrachtet werden. Gleiches gilt für die eigenständige Institution des Europarates, bei welchem nur noch Belarus als letzter europäischer Staat zur Vollkommenheit und Vollständigkeit fehlt.

Die proeuropäischen Bewegungen und deren Symbolik

Letztlich hat sich zwar lediglich der uns heute bekannte Entwurf durchsetzen können, dennoch finden wir in den Logos verschiedener proeuropäische zivilgesellschaftlicher Organisation und Bewegungen Elemente älterer Entwürfe. Wie bereits erwähnt ist hier die Europa-Union zu nennen, welche den Entwurf von Duncan Sandys eines zuerst roten und dann grünen „E“ auf weißem Hintergrund in ihr Logo einverleibt hat.

Auch die Bürgerbewegung „Pulse of Europe“, welche anstatt der Sterne zwölf Kreise in ihrem Logo trägt, erinnert entfernt etwas an den Entwurf der Europaflagge, welcher sich an den sich überschneidenden „Olympischen Ringen“ in Kreisform orientiert hat:

Im Jahre 2002 stellte der Architekt Rem Koolhaas einen neuen Entwurf für die Europaflagge vor, angeblich auf Initiative des damaligen Kommissionspräsidenten Romano Prodi. Hierbei handelt es sich um eine Aneinanderreihung der Farbkonstellationen der nationalen Flaggen der Mitgliedsstaaten, die etwas an einen Stichcode erinnert. Dieses Motiv wurde von der Idee der „Europäischen Republik“ von Prof. Ulrike Guérot, beziehungsweise dem „European Democracy Lab“ als Logo aufgegriffen.

Dies ist eine aus meiner Sicht etwas befremdlich gewählte Symbolik für die Idee der Europäischen Republik. Zwar möchte sie explizit die Konstruktion der EU als Union der Nationalstaaten überwinden, jedoch stellt sie zu diesem Zweck auf die verbundenen Nationalflaggen der Mitgliedsstaaten ab.

Nicht nur Sheldon Cooper kann Spaß mit Flaggen haben!

Wer nun kein sonderlicher Fan der Serie „The Big Bang Theory“ ist, aber dennoch Spaß mit der Europaflagge haben möchte, dem ist ein Besuch auf den wöchentlichen Pulse of Europe Kundgebungen zu empfehlen, die jeden Sonntag um 14 Uhr simultan in vielen europäischen Städten stattfinden. Eine gute Gelegenheit, zudem im Small-Talk, mit dem neuen Wissen über die Europaflagge zu beeindrucken.

Wer sich jedoch mehr für den kreativen und künstlerischen Aspekt interessiert – und dies nicht nur auf der theoretischen Ebene sondern auch in der praktischen Umsetzung – dem ist ein Blick auf www.euflagfashion.com zu empfehlen, welche inspiriert von der Europaflagge eine ganze Modekollektion entworfen haben.

 


[1] Wörtlich zitiert nach: https://www.goethe.de/pro/relaunch/ins/hu/farbenzauber/10053714_Nationalflaggen_Lehrerblatt.pdf (stand:15.11.2017).

Bildquellen

  • Spaß mit Flaggen: Laute Europäer
Eberhard Beck
Eberhard Beck
Politikwissenschaft & Öffentliches Recht, FAU Erlangen-Nürnberg ‖ ERASMUS, Andrássy Universität Budapest ‖ Demokratie und Regieren in Europa, Universität Tübingen ‖ E-Mail: eberhard.beck@laute-europaeer.de ‖ Twitter: @Ebi2210

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